Umgang mit Trauer und Trauernden

Trauer ist wohl ein Thema, das jeder von uns kennt und worüber vor allem immer noch gern geschwiegen wird. Sie hat viele Auslöser und viele Gesichter. So individuell sie beginnt, so individuell ist auch der Umgang mit und die Verarbeitung von Trauer.

Daher freue ich mich über die Initiative “Alle reden über Trauer” von Silke auf ihrem Blog In lauter Trauer. Und wünsche mir, dass dieser Artikel dem ein oder anderen helfen kann, offener mit diesem Thema, und besser mit sich und anderen in Zeiten von Trauer umzugehen.

Wann begegnen wir Trauer?

Obwohl Trauer häufig mit dem Tod eines nahe stehenden Menschen in Verbindung gebracht wird, findet Trauer in unser aller Leben doch viel häufiger statt. Die Auslöser und die Intensität des Gefühls von Trauer jedoch sind sehr individuell. Kommt das Ereignis wie z. B. der Tod, eine Trennung oder auch die Kündigung überraschend, ist es wie ein Schock. Wir stehen neben uns, es ist so unwirklich und irreal. Morgens wachen wir vielleicht auf und denken erst einmal, es war nur ein schlechter Traum.

Doch selbst, wenn das auslösende Ereignis vielleicht sogar absehbar war, kann es uns komplett aus der Bahn werfen. Sei es die Trennung von einem Partner, nachdem wir schon mehrfach darüber nachgedacht haben, wie es sein wird, wenn wir uns trennen. Oder der Tod eines Menschen, der vielleicht schon lange krank war oder die Kündigung die wir bekommen, obwohl wir doch eigentlich selbst kündigen wollten, weil wir etwas ganz anderes machen wollen.

Alle diese Ereignisse sind einschneidend, weil sie das Ende von etwas bedeuten und der Beginn eines folgenden Veränderungsprozesses sind. Dieser Prozess beginnt jedoch eben häufig damit, dass wir erst einmal durch in ein tiefes Tal (der Traurigkeit) gehen.

Kurve der Veränderung

Egal, ob wir uns die Trauerkurve von Elisabeth Kübler-Ross ansehen, die den Trauerprozess in 5 Schritten beschreibt oder die, für Change-Prozesse in der Business-Welt adaptierten Modelle, die häufig 7 oder mehr Schritte aufweisen, wie z. B. das Roller-Coaster Modell von Hurst & Shepard. So haben doch all diese Modelle eines gemeinsam: Sie zeigen einen Veränderungsprozess, der durch ein einschneidendes Ereignis in Gang gesetzt wird, über eine Phase der tiefen Krise in eine Phase der Akzeptanz und dann in Richtung eines Neuanfangs geht.

Aus systemtheoretischer Sicht lassen sich Veränderungsprozesse generell nicht von außen steuern oder planbar beeinflussen. Dieser Prozess lässt sich nur von außen irritieren. Dies ist meiner Ansicht nach eine wichtige Sichtweise, wenn es um den Umgang mit trauernden Menschen geht und auch im Umgang mit einem selbst, wenn man sich im Trauerprozess befindet.

Es ist ein Prozess, der seine eigene Dynamik hat und so ist es auch möglich, dass sich gerade die Anfangsphasen des Trauerprozesses wiederholen, bevor es in Richtung Neuanfang gehen kann. Daher sind die folgenden Empfehlungen im Umgang mit Trauernden und auch mit uns Selbst, wenn wir trauern sehr wichtig:

Was kann man für jemanden tun, der sich in einer akuten Phase der Trauer befindet?

Für den Trauernden da sein und einfach zuhören!
Auch wenn sich das Gesagte wiederholt: zuhören und sich mit Empathie in die Person hineinversetzen und mit Liebe einfach für sie da sein. Jeder hat sicher einmal eine ähnliche Situation durchgemacht und kann sich noch daran erinnern, wie wir selbst in der Situation behandelt werden wollten. Es ist wichtig, dem anderen das Gefühl zu geben, dass wir nachempfinden können, dass er sich gerade einfach nur schrecklich fühlt.

Weniger ist mehr!
Einfach nur zuhören, ohne Ratschläge zu geben, was jetzt helfen könnte und was die Person ausprobieren sollte. Und Floskeln wie “das wird schon wieder, in drei Wochen sieht das schon wieder ganz anders aus” sollten wir uns verkneifen. Denn ja, es kann gut sein, dass es dann schon wieder besser ist, vielleicht aber auch nicht. Was diese Art Floskeln jedoch meist auslösen ist Abwehr und sich unverstanden fühlen. Und damit ist auch die Verbindung zwischen dem Trauernden und uns meist erst einmal unterbrochen. Diese ist aber nötig, um das Gefühl geben zu können, wirklich für den anderen da zu sein.

Ins Leben mit einbeziehen!
Immer wieder die Einladung aussprechen, dass derjenige mitkommen kann. Ob zu einer Veranstaltung, ins Kino oder auf ein Frühstück mit Freunden. Wenn er das Gefühl bekommt, dass er nicht muss, aber eben kann, fühlt er sich nicht unter Druck gesetzt und es beugt bei ihm dem Gefühl vor, sich einsam zu fühlen.

Nachsichtig sein!
Auch die beschriebene Trauerkurve in der Regel einen Anfang und ein Ende hat, kommt es im Trauerprozess häufig vor, dass wir die ein oder andere Schleife machen, bevor das Ende der Kurve in Sicht kommt. Scheint die trauernde Person an dem einen Tag schon wieder recht positiv gestimmt, kann es sein, dass zwei Tage später wieder alles so ist, als wäre es gerade erst passiert und sie ist zurückgeworfen an den Beginn des Trauerprozesses. Also heißt es hier wieder, einfach da sein, mit Liebe und Empathie zuhören und die Person und die Situation so akzeptieren wie sie ist.

Was kann man für sich selbst tun, wenn man sich in einer akuten Phase der Trauer befindet?

Annehmen was ist!
Je nachdem wie intensiv die Trauer ist, wären wir vielleicht sogar noch im Stande uns abzulenken, andere Dinge zu tun, um uns möglichst wenig mit der Trauer und der Situation auseinander zu setzen. Doch auf lange Sicht ist das kein sinnvoller Weg, denn um den Prozess wirklich zu durchschreiten ist es wichtig, jede Phase die man durchlebt, als solche anzunehmen und wirklich zu durchleben.

Das Fühlen zulassen!
Manchmal scheint Verdrängen leichter, denn ja, Trauer tut weh. Sie kann sogar so wehtun, dass körperliche Schmerzen auftreten. Dann bekommt z. B. der Ausdruck “ein gebrochenes Herz” eine ganz deutlich spürbare Bedeutung. Und doch ist es wichtig die Gefühle, die aufkommen zuzulassen und sie nicht zu verdrängen, auch wenn sie noch so weh tun. Verdrängen wir in diesen Momenten die aufkommenden Gefühle, könnte es sein, dass es im ersten Moment leichter erscheint. Doch letztlich sollten die Gefühle komplett durchlebt werden, denn sonst besteht zum einen die Chance, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt wiederkommen, weil sie immer wieder durch die Erinnerung an das Ereignis, das die Trauer ausgelöst hat nach oben geholt werden. Und zum anderen kann sich die Verdrängung auch wie eine Art Betäubung auf andere, positive Gefühle auswirken, wir fühlen einfach alles weniger stark, was auf Dauer doch mehr als schade wäre.

Hilfe annehmen!
So mies wir uns auch fühlen mögen, es ist wichtig Freunde und andere Menschen, die uns in diesen Phasen gut tun, auch wirklich zuzulassen. Auch was Hilfsangebote für ganz praktische Dinge (z. B. Einkaufen) betrifft. Oder auch einfach jemanden in seiner Nähe zu haben, der da ist und zuhört. Und eben immer mit dem wachen Auge dafür, was einem gerade wirklich gut tut, um auch Grenzen zu weisen, wenn es nötig ist.
Auf der anderen Seite ist es genauso wichtig sich einzugestehen, wenn wir nicht mehr alleine oder mit der Unterstützung von Freunden aus der Trauer herausfinden. Dann sollten wir uns nicht scheuen, professionelle psychologische Hilfe zu suchen.

Nachsichtig mit sich sein!
Gestern ging es doch schon ganz gut und heute hängen wieder nur dunkle Wolken am Himmel? Dann ist das eben so! Sich selbst Zeit für den Veränderungsprozess geben ist extrem wichtig. Es bringt wenig, sich unter Druck zu setzen, denn den Prozess kann man nicht wirklich steuern. Vielleicht sind ein, zwei Ehrenrunden nötig, die einen noch einmal tief ins “Tal der Trauer” zurückwerfen. Doch es ist wichtig, dass diese auch genau so angenommen und durchlebt werden.

Was tun, wenn akute Trauer zu chronischer Trauer wird?

Je nachdem wie intensiv die Trauer ist und wie lange sie schon andauert, sollte wir ehrlich mit uns selbst sein. Und auch als Außenstehende sollten wir ein waches Auge auf die trauernde Person haben, um zu bemerken, wenn die Wiederholungen einzelner Phasen des Trauerprozesses nicht mehr gesund oder nicht mehr von ihr allein zu bewältigen sind.

Die Trauer nach dem plötzlichen Verlust eines Menschen wird wahrscheinlich intensiver sein und längere Zeit in Anspruch nehmen, als die Trauer nach dem Verlust einer Arbeitsstelle. Doch ist auch hier die persönliche Empfindung der Trauer sehr unterschiedlich. Es kann also in beiden Fällen sein, dass sich nach einiger Zeit eine Art “Problemtrance” einstellt. Die Person wird immer wieder in eine heftige Phase der tiefen Trauer zurückgeworfen oder sämtliche Gespräche drehen sich immer und immer wieder nur um die Trauer und das auslösende Ereignis.

Als Freund oder Familienmitglied können wir in diesen Fällen zwar versuchen, das immer wiederkehrende Thema in Gesprächen bewusst zu beenden und sich einem anderen Thema zu widmen. Oder die Person, wenn sie sich nur zuhause verkriecht doch aktiver zu animieren etwas gemeinsam zu unternehmen. Doch hier sind häufig einfach die Grenzen schnell erreicht, da sich im Zweifel die trauernde Person nicht mehr verstanden fühlt und sich von uns abwendet. Daher sollten Freunde und Familie in diesen Fällen zu professioneller Hilfe raten.

In manchen Fällen reicht z. B. ein gut ausgebildeter Systemischer Berater, der der Person durch neue Impulse hilft, aus den immer wiederkehrenden Schleifen des Trauerprozesses auszubrechen und den Prozess zu Ende zu bringen. Je nach Thematik ist aber die Abklärung bei einem Arzt oder Psychotherapeuten zu empfehlen.

Was kommt nach der Trauer?

Das Durchleben des kompletten Trauerprozesses kann sogar häufig helfen, die heutzutage oft erwähnte Resilienz zu verbessern oder diese überhaupt erst zu entwickeln. So kann der richtige Umgang mit und die gezielte Verarbeitung von einschneidenden Ereignisse oder schwierigen Phasen im Leben helfen, seinen Alltag wieder ohne anhaltende Beeinträchtigungen leben zu können. Zudem kann die verantwortungsvolle Verarbeitung des Trauerprozesses sogar dazu führen, dass wir gestärkter aus der schwierigen Zeit hervorgehen. Wenn wir gelernt haben, dass wir auf unsere eigenen Ressourcen und auf unser soziales Umfeld zurückgreifen können sowie, dass wir selbst entscheiden, wie wir mit dem Trauerprozess umgehen, wissen wir, dass wir auch schwierige Phasen im Leben überstehen und sehen der Zukunft positiver entgegen.