Vipassana – Meditieren & Schweigen

“Vipassana?”, “Schweige-Retreat?” In der Regel schaute mich dann ein weit aufgerissenes Augenpaar an und es kam der Satz “10 Tage Schweigen? Das könnte ich nicht!” Doch “Schweige-Retreat” umschreibt die Erfahrung nicht einmal ansatzweise.

Aber wie soll man auch vorab etwas mit Wörtern beschreiben, das erst durch die eigene Erfahrung greifbarer wird und auch danach schwierig mit Wörtern zu fassen ist. Klingt vielleicht etwas pathetisch, so ist es nicht gemeint. Es ist nur so, dass wir in unserem doch meist sehr bewegten Alltag in der Regel nicht die Möglichkeit haben, die Erfahrungen zu machen, die man in diesen 10 Tagen macht. Und somit ist jeder Versuch des Beschreibens müßig, weil es wenig vergleichbares gibt.

Was ist das denn, dieses Vipassana?

Eine 2500 Jahre alte Technik, die zwar buddhistisch angelehnt ist, aber religions-unabhängig praktiziert werden kann, weil keiner der Inhalte einer Religion widersprechen würde. Es gibt unterschiedliche Vipassana-Lehren, ich habe in diesem Fall die wohl meist verbreitetste nach S. N. Goenka gemacht. “Vipassana” bedeutet zu Deutsch “Einsicht” und steht dafür, die Dinge so zu sehen wie sie sind.

Unser Geist befindet sich ständig in Bewegung. Meist sind wir mit der Planung zukünftiger Dinge oder dem Nachdenken über vergangene Ereignisse beschäftigt. Damit nicht genug, fast jeder dieser Gedanken ist an entweder positive oder negative Emotionen geknüpft. Entweder wir möchten etwas vermeiden oder wir möchten etwas (noch mal) erleben.

Vipassana schult den Gleichmut, indem wir lernen auf Gedanken und Ereignisse nicht mit Ablehnung oder Verlangen zu reagieren. Ganz wichtig dabei, es geht nicht um Gleichgültigkeit im Sinne von egal. Es geht unter anderem darum, dass wir uns unserer Reaktionen bewusster werden und sie besser lernen steuern zu können, weil wir auf diese Weise nicht mehr zu lange in Gedankenschleifen festhängen, die uns im Endeffekt vom derzeitigen Moment und dem was da ist ablenken.

Auf der anderen Seite geht es auch darum, zu lösen, was über die Jahre an nicht förderlichen Gedanken(-mustern) in unserem Körper gespeichert wurde. Dies geschieht laut den Lehren von allein, wenn wir auf ein, uns wahrscheinlich bekanntes, gedankliches Verhalten einfach nicht in der gewohnten Art reagieren, sondern es da sein lassen und nur beobachten.

Über die Geschichte sowie die Annahmen und Theorien hinter der Technik gibt es bereits viel im Internet zu finden, daher gehe ich hierauf nicht weiter ein, sondern verweise auf www.dhamma.org

Ich möchte in diesem Beitrag eher auf meine persönlichen Erfahrungen mit Vipassana eingehen.

Wie ist der Ablauf?

10 Tage dauert das eigentliche Programm. Ein Tag vor dem Start ist Anreise und damit man auch noch einen Tag hat, um sich mental wieder auf die restliche Welt vorzubereiten, findet die Abreise einen Tag nach Ende des offiziellen Programmteils statt. Also sind es insgesamt 12 Tage.

Die Tage starten früh morgens um 4:00 Uhr und enden in der Regel gegen 21:30 Uhr. Dazwischen liegen täglich 10 Stunden Meditation, von denen jeweils 3 Stunden gemeinsam in der Meditationshalle stattfinden. Am Abend findet zusätzlich jeweils ein Vortrag von ca. 1,5 Stunden statt, in dem die Technik und die Philosophie dahinter genauer erklärt werden.

Anicca – Veränderung

Ein Kern der Technik ist Anicca, was Veränderung bedeutet. In diesen 10 Tagen im Zentrum lernt man, sollte man sich dessen vorher noch nicht bewusst gewesen sein, dass alles Veränderung ist. Alles hat einen Anfang und ein Ende, taucht auf und vergeht wieder. Was das bedeutet? Man lernt zuerst nur während der Meditation, später auch zwischen den Meditationen, alles einfach nur zu beobachten. Gedanken, Emotionen, körperliche Wahrnehmungen, all das wird nur beobachtet und nicht mit “gut” oder “schlecht” bewertet. Denn auch ohne Bewertung wird das, was beobachtet wird auch wieder vergehen.

Meine Erfahrungen in diesem 10 Tagen

Was mir leichtgefallen ist:

  • Nicht reden: jeder, dem ich gesagt habe, dass Vipassana 10 Tage schweigen bedeutet, hat mich mit großen Augen angesehen und gesagt “das könnte ich nicht”. Mir ist es tatsächlich extrem leichtgefallen und ich habe schon nach einem Tag festgestellt wie schön das Schweigen ist. Und, dass mitunter durch das Schweigen aller die eigenen Sinne viel sensibler werden. Ich hatte das Gefühl ich höre besser, sehe intensivere Farben, schmecke und rieche mehr. Da wird ein tickender Wecker schon mal zur Geduldsprobe.
  • Kein Handy, keine Nachrichten: Es war für mich auch ein Test, wie gut ich mal ganz ohne Handy auskomme. Digital Detox von 0 auf 100 sozusagen. Und oh Wunder, das Leben geht auch ohne Handy und Nachrichten einfach weiter. Es ist sogar plötzlich so schön entspannt. Zweimal hatte ich das Bedürfnis aus Reflex auf mein Handy schauen zu wollen, aber das war´s dann auch. Ich glaube ich kann jetzt sagen, dass ich nicht smartphone-süchtig bin, sonst hätte ich wohl größere Entzugserscheinungen gehabt.
  • Träumen und Songtexte: Ich habe von Anfang an unheimlich viel geträumt, selbst wenn ich nur mal 5 Minuten eingeschlafen bin, habe ich in der kurzen Zeit schon lange Abenteuer durchlebt. Und noch etwas faszinierendes ist mir aufgefallen: ich liebe Musik, höre sehr viel Musik und hatte auch die Befürchtung, dass mir das fehlen könnte. Zum Glück ist mein Geist da sehr zuverlässig und hat mir mehrfach am Tag einfach Songtext-Schnipsel in den Kopf geschoben, die lustiger Weise immer genau passend zur Situation waren. Das hat mich das ein oder andere Mal sehr zum Schmunzeln gebracht.
  • Die Meditation: Wer sich vorab schon mal mit Meditation, Atem und seinem Körper beschäftigt hat, wird die Technik an sich nicht als etwas überraschend Neues erleben. So ist es mir leicht gefallen den Anweisungen zu folgen und ich konnte mich auf das konzentrieren, was dadurch ausgelöst wurde.

Was mir schwerer gefallen ist:

  • Kein Blickkontakt: Schweigen war für mich leicht, aber so gar keinen Kontakt, also auch keinen Blickkontakt zu haben? Das war eine Herausforderung. Was aber auch dazu geführt hat, dass ich mich in den Situationen, in denen ich normalerweise Blickkontakt aufnehmen würde, gefragt habe, warum mache ich das eigentlich? Ist es Kontakt den ich brauche? Möchte ich meinem Gegenüber damit etwas Gutes tun? Geht es um Verbindung?
  • Geduld: Das liebe Thema mit der Geduld, die ich für andere ohne Probleme aufbringe, für mich aber oft zu wenig übrig habe. Gerade wenn es darum geht Neues zu lernen, dann werde ich manchmal ungeduldig, wenn es mir nicht schnell genug mit neuen Infos weitergeht. Ich hatte also eine tolle Gelegenheit mich intensiv mit meiner Geduld auseinanderzusetzen, weil es eben nicht um Wissen aufnehmen, sondern um Erfahrungen machen und Erleben ging.
  • Guru/kein Guru: Auch wenn Vipassana keine Religion ist und einfach als reine Technik angewendet werden kann, ist die Empfehlung doch, sie in Reinform anzuwenden. Und hier habe ich mal wieder gemerkt, wie wichtig es für mich ist, das was ich lerne so kombinieren zu können, dass es für mich stimmig ist. Und das bedeutet, dass ich für mich und in meiner Arbeit oft aus verschiedenen Techniken und Methoden Dinge kombiniere. Vorteil ist, dass die Gefahr, mich jemals einer Sekte anzuschließen wohl äußerst gering ist.

Werde ich zum Wiederholungstäter?

Ein klares JA! Ich habe in den 10 Tagen so viel über mich gelernt und habe festgestellt, dass da wo der Geist und der denkende Verstand aufhört, das viel größere Wissen des Körpers erst anfängt. Und ich habe für mich noch einmal mehr festgestellt, wie sehr ich die Natur und die Zeit in der Natur brauche.


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